DIE BRIDGETOWER-SONATE (UA)

9. Juni 2023

AUSSTATTUNG:
DIE BRIDGETOWER-SONATE (UA)SCHAUSPIEL LEIPZIG

von Amanda Wilkin (Gewinnerin des Stückemarkts beim Berliner Theatertreffen)
Premiere am 06. April 2024

Regie: Adewale Teodros Adebisi
Ausstattung: Alexander Grüner

Dramaturgie: Marleen Ilg

Musik: Stella Goritzki

Licht: Thomas Kalz

 

Deutsch von Aidan Riebensahm

Für George wird ein lang gehegter Traum wahr. Nicht, dass er vor einem prall gefüllten Saal spielt. Auch nicht, dass das Publikum ihm zuerst gebannt lauscht und dann begeistert applaudiert. Beides hat er sich hart, aber schon vor langer Zeit erarbeitet. Das Exzeptionelle an diesem Abend ist sein Spielpartner, Ludwig van Beethoven. Niemand Geringeres. Das alleine ist schon eine große Auszeichnung. Doch es kommt noch besser: Die Violinstimme der gemeinsam gegebenen Sonate hat er für ihn ganz persönlich geschrieben. Für George Bridgetower. Beiden wird das gemeinsame Konzert zum musikalischen Nervenkitzel. Im jeweils anderen haben sie einen würdigen Kameraden gefunden. Die Luft vibriert. Beide ringen mit den Noten, dem spielenden Gegenüber, beinahe bis zur Ekstase. Auf eine spontane Improvisation der Violine springt Beethoven begeistert von seinem Hocker, er umarmt Bridgetower und fordert ihn mit „Noch einmal, mein lieber Brusch!“ zur Zugabe auf.

Zwei Virtuosen im gemeinsamen Spiel. Ein Konzert, das von sich reden machte. Ein unvergessenes sinnliches Spektakel. Ein Stück Musikgeschichte. Ein Musikstück aus der Feder des einen, dem anderen Meister gewidmet. Eine reale Begebenheit, die beinahe vergessen ist.

Nicht viel ist überliefert von diesem Zusammentreffen zweier Koryphäen ihres Fachs 1803 in Wien. Die Sonate, musikalisches Zeugnis ihrer Zusammenarbeit, trägt heute den Titel „Kreutzer-Sonate“. Nachträglich dem Geiger Rodolphe Kreutzer gewidmet, der sie selbst niemals spielte. Das Publikum der Uraufführung kann heute nicht mehr Zeugnis ablegen. Weitere Belege für das Wirken des außergewöhnlichen afro-europäischen Violinisten George Bridgetower an Beethovens Seite sind rar. Ein Zerwürfnis beider Männer wurde zum Anlass, das Musikstück umzuwidmen. Der Grund, der diese beiden Freunde entzweite, ist nicht bekannt. Was bleibt, ist ein Titel, der dem einen nicht nur die Anerkennung verwehrt. Er löscht ihn sogar aus der Geschichte. „Die Bridgetower-Sonate“ ist ein Perspektivwechsel auf unser musikalisches Erbe. Es ist eine Geste an den Musiker, dessen Beitrag uns heute verborgen bleibt. Vor dem Hintergrund seiner Biographie müssen wir uns fragen, wie vielen diese Wertschätzung verwehrt wurde und wessen Feder unsere Geschichte schreibt.

(Text: Schauspiel Leipzig)